Wenn Zeitungen das Papier ausgeht

Eine Samstagausgabe mit acht gedruckten Seiten weniger. Noch hatten die Leser der Wilhelmshavener Zeitung, des Jeverschen Wochenblatts und der anderen in Oldenburg gedruckten Blätter gar keine Möglichkeit, sich darüber zu beschweren, denn das war heute eine Premiere. Seit Monaten sitzt allen Zeitungsdruckern das Thema Papierknappheit schwer im Nacken, das „Mindener Tageblatt“ musste schon Anfang November das Papier rationieren. Die Zeitung verringerte die Umfänge und nahm Rubriken aus dem Blatt. Die Branche war alarmiert.

Papierrollen in der Druckerei. Seit Monaten ist die Beschaffung des Materials ein Problem. Foto: Helmut Burlager


Glücklich, wer sich bevorratet hatte. Doch drei Monate später hat sich die Situation nicht geändert, sondern verschlechtert, auch die letzten Druckereien laufen leer. War bisher der Mangel an Altpapier Grund für die Knappheit, daneben der hohe Bedarf des Versandhandels an Verpackungsmaterial, so kommt mit dem Krieg in der Ukraine, der die Energiepreise explodieren lässt, ein weiteres dickes Problem hinzu. Denn zur Papierherstellung sind neben den bereits knappen Rohstoffen Zellstoff und Recyclingpapier auch ungeheure Mengen Strom und Gas nötig. Zeitungen sind gezwungen, die Umfänge zu reduzieren. Hat es so etwas je gegeben? Ja leider, und oft hing das mit Krieg zusammen. Papier war schon zu Beginn des Zeitungsdrucks im 17. Jahrhundert eine knappe und teure Ressource, doch mit dem Entstehen der Massenpresse entwickelte sich eine Papierindustrie, die den immens wachsenden Bedarf meist decken konnte. Aber nicht immer. Eine Papierkrise gab es vor hundert Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg. Der Mangel war so gravierend, dass er im März 1919 von der Weimarer Nationalversammlung behandelt wurde, wie damals die Frankfurter Zeitung berichtete.
„Die Regierung ließ erklären“, hieß es da, „daß Mangel an Kohle, die Streiks und Transportschwierigkeiten den Uebelstand verschulden, daß man aber auf Besserung sinne. Mit dieser Auskunft müssen sich die Zeitungen zufrieden geben, eine baldige Abhilfe scheint nicht in Aussicht zu stehen. Die Papiernot ist seit Langem für die Zeitungen und die ihr nahestehenden Gewerbe eine schwere Kalamität. Ihre Verewigung behindert die Presse an der Erfüllung ihrer Aufgaben.“
Die heftige Klage der Zeitung, dass der Papiermangel sie ausgerechnet in einer weltpolitisch derart angespannten Lage treffe, könnte direkt in die heutige Zeit übertragen werden. „Man erinnere sich, wie vor Zeiten ein Eisenbahnunglück, ein Streik, ein Krawall, eine Feier, ein Kongreß die Zeitungen sofort zur Entsendung von Sonderberichterstattern veranlaßte! Das geht längst nicht mehr, nur das Gerippe der Ereignisse, z.B. in Oberschlesien, in Düsseldorf, Berlin, im Ruhrrevier usw., läßt sich kurz skizzieren, geschweige denn, daß die in dieser Zeit für Deutschland so unendlich wichtigen Vorgänge im Ausland mit der Ausführlichkeit behandelt werden könnten, die ihnen gebührte“, bedauerte der Verfasser.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es genauso. Der Schriftsteller und Zeitungsredakteur Erich Loest erinnerte sich: „Die Zeitung erschien mit vier Seiten, normalerweise, am Sonntag mit sechs, mal auch mit acht, aber mal auch mit zwei Seiten, also ein Blatt hinten und vorne klein bedruckt, das war dann die Leipziger Volkszeitung.“
Und heute? Gerade jetzt, da Menschen nach Informationen über den Krieg und seine Folgen gieren und nach Kommentierung und Einordnung suchen, wird der Platz knapp, weil das Papier fehlt. Im schlimmsten Fall könnte das Erscheinen von Zeitungen unmöglich werden.
Der Unterschied zu damals: Das Medium ist nicht mehr ans Papier gebunden. Wenn wegen der Papiernot Ausgaben nicht mehr oder nur noch mit wenigen Seiten erscheinen könnten, blieben immer noch das E-Paper und das Internetportal der Zeitung, um die Menschen mit Informationen zu versorgen. Ein schwacher Trost, aber immerhin. Hoffen wir, dass es nicht soweit kommt.

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