Hervorgehoben

Um was geht’s?

Helmut Burlager (65) ist Ombudsmann des Brune-Mettcker-Verlages mit den Tageszeitungen Wilhelmshavener Zeitung und Jeversches Wochenblatt. Er vermittelt im Konfliktfall zwischen Lesern und Redaktion. Lesen Sie hier mehr dazu: „Ein Anwalt für den Leser“. Ob Fragen, Kritik oder Beschwerden, melden Sie sich gerne unter bm.ombudsmann(at)outlook.com.

Bisher erschienene Kolumnen:
12. April 2022 Hinterher ist man immer klüger
3. April 2022 „Seine legendären Leserbriefe werden wir vermissen“
1. April 2022 Flagge zeigen für die Ukraine
19. März 2022 Die nackte Frau am schwarzen Brett
12. März 2022 Wenn Zeitungen das Papier ausgeht
27. Februar 2022 Gehört der Italiener in die Überschrift?
7. Februar 2022 Wenn Päpste sterben

So viel müssen wir uns gar nicht verzeihen

Eine Replik auf die Ombudsmann-Kolumne „Hinterher ist man immer klüger“

Von Christoph Hinz

Die Redaktion des Jeverschen Wochenblatts hat die Kolumne zum Anlass genommen, selbst Bilanz zu ziehen. Hier der Beitrag von Christoph Hinz für die Ausgabe vom 14. April 2022.

Zu Beginn der Pandemie waren wir alle Anfänger, wirklich alle: Bürger, Behörden, Virologen, sicher auch wir Journalisten. Und natürlich nehmen wir Wochenblatt-Redakteure uns da nicht aus. Ob wir heute, mehr als zwei Jahre nach Ausbruch der weltweiten Infektionswelle aber schon so sattelfest sind, dass wir in einer „selbstkritischen Aufarbeitung“ wirklich die eigenen Schwachstellen offenlegen könnten, wie es der Ethikrat in der Auswertung seiner Studie fordert, ist fraglich. Wir sind ja noch mittendrin im Schlamassel. Die Frage, wem wir glauben sollen oder können, müssen wir Nachrichtenleute immer noch jeden Tag neu stellen und beantworten. Für einen Kassensturz ist es zu früh, Zwischenbilanzen haben wir reichlich hinter uns.
Abwägung unerlässlich
Dass Kontaktverbote, eine Beschränkung der Freizügigkeit, Handels- und Berufsverbote, Lockdowns, Betretungsverbote, der Maskenzwang oder ein modifiziertes Versammlungsrecht soziale, psychische und wirtschaftliche Folgen haben und deshalb nur zeitlich begrenzt Instrumente eines Krisenmanagements sein könnten, ist uns, „den“ Journalisten bei „den“ Medien immer bewusst gewesen. Die Vermittlung solcher Einschränkungen von Freiheitsrechten haben wir beim Wochenblatt von Anfang an mit einem breiten Informations- und Serviceangebot flankiert und mit Kommentaren aus der Redaktion auch selbst in Frage gestellt. Ob wir im Ergebnis der Abwägung von staatlicher Anordnung und dem Schutz der Bevölkerung immer absolut richtig gelegen haben? Wer vermag das zu sagen?
Freiheitsrechte
Unantastbar ist die Würde des Menschen im Grundgesetz, etliche darin verbriefte Freiheitsrechte aber dürfen vorübergehend eingeschränkt werden, wenn sich dies aus der Abwägung ergibt. Und ein Ziel der Abwägung beim Gesetzgeber und seinen Organen, aber auch bei uns, der Presse, muss der Schutz der Bevölkerung sein. Womit wir im Interesse unserer Leser und unserer Arbeit immer richtig gelegen haben, das war die bewusst weit offen gehaltene Dialogkultur der Redaktion nach innen und außen. Noch nie haben wir Wochenblatt-Journalisten so viel gesprochen und zugehört.
Wer aus seiner persönlichen Situation heraus den Sinn von Schutzregeln und Beschränkungen in Frage stellen wollte, der konnte das bei uns tun. Wir haben es auch selbst getan, wenn uns etwas widersprüchlich, chaotisch oder einfach gaga vorgekommen ist. Wir haben auch Querdenken-Anhänger auf einer ihrer Versammlungen begleitet und darüber berichtet. Nach den Regeln unseres Berufs, aber kritisch.
Dialogkultur pflegen
Als „Querdenken“ bundesweit aber für Angriffe auf Journalisten und für die Billigung solcher Angriffe stand, haben wir das eingestellt. Es kam auch nichts „Neues“ aus dieser Szene, das inhaltlich zu berichten gewesen wäre – außer dass diese Menschen demokratiefeindlich und menschenverachtend agierten und es immer noch tun.
Werden wir uns wirklich „alle viel verzeihen“ müssen, wie der ehemalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn prophezeit hat? Die Redaktion dieser Zeitung glaubt eher: Nein. Müssen wir im Redaktionsteam offen für Kritik bleiben und unsere Dialog- und Streitkultur pflegen, um verantwortungsbewusst mit Informationen und den nötigen Fragen dazu umgehen zu können. Ja, da sind wir ganz beim Deutschen Ethikrat.

Hinterher ist man immer klüger

Der Deutsche Ethikrat und die Medien in Corona-Zeiten

 „Wir werden uns alle viel verzeihen müssen.“ Was Gesundheitsminister Spahn zu Beginn der Corona-Pandemie mit Blick auf zu befürchtende Fehlentscheidungen sagte, gilt bis heute. Schließlich sind fast alle Menschen vom Ausmaß und der Wucht der Seuche überfordert worden. Auch die Medien waren auf so etwas nicht vorbereitet, weder in ihrer Arbeitsorganisation, bei der Hygienekonzepte und Telearbeit kaum eine Rolle gespielt hatten, noch wirtschaftlich, als ihnen plötzlich Werbeumsätze und Veranstaltungen wegbrachen. Und schon gar nicht waren sie gewappnet, was die Berichterstattung über die Infektionswelle und ihre Folgen anging.

Wie alle anderen mussten sich auch Journalisten in die Situation hineintasten. Herausfinden, was das für eine Krankheit ist, wie bedrohlich sie werden könnte, welche Schutzmaßnahmen es gibt, welche Aufgaben der Staat hat, wie die Zuständigkeiten sind, was eine Beschneidung von Freiheitsrechten an Fragen und Problemen aufwirft, wie mit den wirtschaftlichen und sozialen Folgen umzugehen ist und wie mit Falschinformationen und Verschwörungstheorien.

Und wem, fragten sich auch Journalisten, soll man glauben? Den streitenden Experten? Den unentschlossenen Politikern? Den Corona-Skeptikern, Masken-Hassern und Impfgegnern? Den Medizinern oder den Juristen? Spahn oder Lauterbach? Drosten oder Streek? Dem Spiegel oder der Springer? Die Pandemie nahm kein Ende, der Streit auch nicht.

Jüngst hat der Deutsche Ethikrat eine Studie zum Verlauf der Pandemie veröffentlicht. Auf 162 Seiten geht es ganz wissenschaftlich und trotzdem erstaunlich lesenswert um medizinische, politische, juristische, gesellschaftliche,  psychologische und andere Fragestellungen, die sich im Zuge der Krise aufgetan haben. Der Titel „Vulnerabilität und Resilienz in der Krise – Ethische Kriterien für Entscheidungen in einer Pandemie“ lässt nicht unbedingt ahnen, dass hier eine umfassende Zwischenbilanz gezogen wird, aus der sich für die Zukunft einiges lernen lässt.

So wird den Politikern ins Stammbuch geschrieben, dass bei einschneidenden Maßnahmen in Pandemiezeiten ein hohes Maß an Eindeutigkeit, Klarheit und Nachvollziehbarkeit unerlässlich sei und dass unvollständige, unklare oder unverständliche Vorschriften die Akzeptanz in der Bevölkerung erschüttern könnten. „Das Vertrauen der Menschen in den deutschen Staat als Demokratie, Rechtsstaat und Bundesstaat hat in der Pandemie gelitten“, urteilt der Ethikrat.

Für die Presse gilt das vermutlich auch. So schreibt der Ethikrat: „Massenmedien (…) haben gerade in Krisenzeiten die für eine republikanisch verfasste Demokratie unverzichtbare Aufgabe, das strittige Für und Wider von Maßnahmen in einer räsonierenden Öffentlichkeit hör‐ und sichtbar zu machen.“ Der kritische Teil dieser Aufgabe sei zu Beginn der Corona‐ Krise nicht immer im wünschenswerten Maß erfüllt worden. Die anfängliche Zurückhaltung mit Kritik sei angesichts der Größe, der Neuartigkeit und der Plötzlichkeit der Problemlagen vielleicht verständlich und berechtigt gewesen. „Im weiteren Verlauf der Pandemie jedoch wurden selbst offenkundige Fehlentwicklungen (…)  kaum in der notwendigen Deutlichkeit aufgegriffen.“

Für die Zukunft empfiehlt der Ethikrat nicht nur den Medien, in Phasen großer Unsicherheit die öffentliche Debatte mit besonderer Sensibilität für mögliche Folgen von Maßnahmen zu führen. Nach Aufmerksamkeit heischende Panikmache sei ebenso zu vermeiden wie Verharmlosung und grundlose Entwarnung. Aufklärung und Information dürften nicht bevormundend „von oben herab“ erfolgen, es müsse auch Raum für Diskussion gegeben werden. Wichtig sei zugleich, in solchen Zeiten der Flut an Falschinformationen entgegenzuwirken.

Der Ethikrat fordert Politik und Wissenschaft, aber auch die Medien zu einer selbstkritischen Aufarbeitung auf, die es ermögliche, Schwachstellen offenzulegen und Abläufe zu korrigieren. „In einer Krise von weltgeschichtlichem Ausmaß sind Fehler und Fehlentscheidungen unvermeidlich“, schreiben die Autoren und drücken es schließlich so volkstümlich aus wie Jens Spahn zu Beginn der Krise: „Hinterher ist man immer klüger.“

Die ganze Studie ist hier zu finden: www.ethikrat.org/publikationen/

„Seine legendären Leserbriefe werden wir vermissen“

Redaktionen gehen unterschiedlich mit Leserbriefen um. Manche drucken nur eine kleine Auswahl der Leserreaktionen ab, manche kürzen sie auf drei oder vier markante Sätze zusammen. In einen Haus gibt es eine eigene Redaktion nur für Leserzuschriften, im anderen geht alles über den Tisch des Chefredakteurs, im dritten bleibt es dem Zufall überlassen, von wem ein Leserbrief bearbeitet wird und ob er erscheint.

Mich erreichten Zuschriften von Lesern, die sich beklagten, dass Ihre Briefe nicht zeitnah veröffentlicht worden sind. Das kommt in der Tat vor und kann verschiedene Gründe haben. Der naheliegende heißt: fehlender Platz. In einem normalen Monat treffen in den Postfächern unserer Zeitungen bis zu 50 Leserbriefe und Dutzende Leserfotos ein. Sie alle und in voller Länge zu bringen, dazu müsste die Redaktion acht bis zehn Seiten mehr drucken können. Das kann sie erstens nicht, und wer würde das zweitens alles lesen wollen?

Die Redaktion bemüht sich,  wöchentlich mindestens eine Seite mit Zuschriften zu drucken – und  Briefe zu aktuellen Diskussionen auch zwischendurch. Leider gelingt das nicht immer. Ohnehin werden nicht alle Leserbriefe gedruckt. Mal sind sie viel zu lang, mal wird das Anliegen des Einsenders nicht richtig deutlich, mal fehlen die Kontaktdaten des Einreichenden, mal enthält ein Brief beleidigende oder verunglimpfende Aussagen, mal besteht der Schreiber auf Anonymität oder untersagt Kürzungen und Bearbeitungen, manchmal ist der Inhalt eines Leserbriefs zum Zeitpunkt seines Eintreffens schon von den Ereignissen überholt worden. In allen Fällen sollten die Einsender aber eine Antwort erhalten.

„Offene Briefe“, die zugleich an andere Stellen gerichtet sind, druckt die Zeitung ebenso wenig wie Schilderungen von persönlichen Streitereien oder Nachbarschaftskonflikten. Auch sollen Politiker und Funktionäre, von denen ohnehin schon ständig zu lesen ist, sich nicht auch noch durch Leserbriefe profilieren können, vor allem nicht in Wahlkampfzeiten.

Zeitlicher Verzug kann noch andere Gründe haben. Briefe von Einsendern, die der Redaktion nicht bekannt sind, müssen geprüft werden: Gibt es den Absender, hat er die richtige Adresse und Telefonnummer hinterlassen? In vielen Fällen wird nachgefragt, und nicht immer erreicht man den Verfasser sofort. Kommt keine Reaktion, kann der Brief nicht veröffentlicht werden. Das gilt auch für Fälle, in denen die Redaktion den Autor vergeblich bittet, einen zu langen Leserbrief zu kürzen.

Und schließlich gibt es da noch die Vielschreiber. Den Aktivisten, der mindestens einmal pro Woche einen Leserbrief gegen die regenerativen Energien abschickt. Den kritischen Bürger, der der Stadt- und Kreisverwaltung ständig genau auf die Finger schaut und alles kommentieren möchte. Den Hobby-Schreiber, an dem eigentlich ein Journalist verlorengegangen ist und der seine Leidenschaft im Leserforum ausleben möchte. Bei ihnen muss die Redaktion abwägen, wie oft sie sie zu Wort kommen, bevor es andere Zeitungsleser nervt. Es gibt Leserbriefschreiber, mit denen regelrecht Abkommen getroffen wurden, wie oft sie was schicken „dürfen“.

Denn Leserbriefe sind ja nicht nur ein wunderbares Feedback für die Arbeit der Redaktion und nicht nur ein Forum für demokratische Debatten. Sie dienen hier und da auch dem Ego der Schreiber. Und das ist nicht einmal negativ gemeint. Mich hat jüngst eine Todesanzeige in unserem Blatt sehr berührt, in der die Freunde des Dahingeschiedenen ihn mit ungewöhnlichen Worten würdigten. Sie schrieben: „Auch seine legendären Leserbriefe werden wir vermissen.“

Flagge zeigen für die Ukraine?

Krieg, das betrifft immer nur andere. Mit dieser Haltung haben wir uns seit der Wirtschaftswunderzeit gemütlich eingerichtet. Gewiss, im kalten Krieg zwischen Ostblock und Nato gab es Krisen, in denen den Menschen mulmig wurde. Und mit dem Jugoslawien-Konflikt in den Neunzigern kam uns der Krieg schon mal ziemlich nahe. Aber wer glaubte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch ernsthaft an bewaffnete Auseinandersetzungen, die uns selbst berühren würden?

Titelkopf der Wilhelmshavener Zeitung vom 19. März 2022.

Und plötzlich ist Krieg. Mitten in Europa. Mit den Nachrichten aus der Ukraine, mit den Videos, den Bildern, den Flüchtlingen und mit den wirtschaftlichen Auswirkungen kam die Angst nach Deutschland, dass wir bald mittendrin stecken könnten. Zeitungen, die seit mehr als 70 Jahren über Krieg nur auf im Auslandsressort berichtet haben, müssen sich nun sogar in ihren Lokalredaktionen mit der Frage auseinandersetzen: Wie gehen wir damit um?

Ein blau-gelber Zeitungstitel ist schnell gemacht, eine Spendenaktion leicht organisiert, mit sowas hat man ja Erfahrung. Berichte über die vielen Hilfsaktionen und ans Herz gehende Geschichten über geflüchtete Menschen sind jeder Redaktion, die seit zwei Jahren ihre Themen hauptsächlich aus der Corona-Lage generierte, unbedingt willkommen. Und die Leser lechzen nach Informationen.

„Kriegszeiten sind Nachrichtenzeiten“, sagte die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Margreth Lünenborg von der Freien Universität Berlin kürzlich in einer Diskussion mit den Mitgliedern des Verbandes der Deutschen Medienombudsleute (VDMO). Doch über den Krieg zu berichten, erfordert nach ihrer Einschätzung ein besonderes Verantwortungsbewusstsein. Dem würden die Medien überwiegend gerecht, es gebe aber auch Defizite.

So sehen Lünenborg und ihre Kolleginnen Dr. Anna Litvinenko und Prof. Dr. Carola Richter, die die bisherige Berichterstattung analysiert haben, die Gefahr, dass ein antirussisches Feindbild die Veröffentlichungen prägt. Das könne dazu führen, dass pauschal alle Russinnen und Russen verunglimpft würden. Individuen dürften aber nicht für Staatshandlungen verantwortlich gemacht werden.

Titelkopf des Jeverschen Wochenblatts vom 19. März 2022.

Journalisten sollten weder Helden stilisieren noch Scharfmachern eine Bühne geben. Kriegsrhetorik und Waffenjournalismus sollten sie unterlassen, stattdessen verständigungsorientierte Stimmen stärken und die negativen Auswirkungen des Krieges für die Zivilgesellschaft in der Ukraine, aber auch in Russland hervorheben. Sie sollten zudem die politischen und militärischen Maßnahmen in Deutschland kritisch einordnen. Lünenborg rät zudem, nationalistische Parteinahme zu vermeiden und die am Krieg beteiligten Nationen nicht von vornherein nach „gut“ und „böse“ einzuteilen. Journalisten sollten sich nicht pauschal „für die Ukraine“ einsetzen und nicht „Flagge zeigen“.

Womit wir wieder beim blau-gelben Zeitungskopf wären. War das schon Parteinahme? Oder nur ein legitimes Zeichen der Solidarität mit einer Nation, die brutal angegriffen wird?

Dass die Medien auf Hilfsangebote für die Ukraine, auf Spendenaktionen und andere Unterstützung für die Opfer aufmerksam machen sollten, finden auch Prof. Margreth Lünenborg und ihre Kolleginnen: „Solche Informationen“, sagen sie, „können überlebenswichtig sein.“

Hier die Thesen des Instituts für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin: Für einen verantwortungsvollen Journalismus im Krieg

Zum Weiterlesen: Kriegsbilder erfordern sorgfältige Abwägung Deutscher Presserat

Und von Marlis Prinzing: Bilder, die wir sehen müssen

Rügen gegen „Bild“ und andere

Nachdem hier gestern über den „Freispruch“ für die Bild-Zeitung in der Causa „Die Lockdown-Macher“ berichtet wurde (hier geht es zum Beitrag), sei der Vollständigkeit halber erwähnt, dass sich BILD in derselben Sitzung des Beschwerdeausschusses gleich sechs Rügen eingefangen hat. Einmal hat das Blatt den griechischen Finanzminister irreführend zitiert, einmal einen Tatverdächtigen erkennbar dargestellt und vorverurteilt, einmal ein Opfer-Foto ohne Einwilligung der Familie veröffentlicht, einmal das Opfer eines Wohnungsbrandes durch Berichterstattung erneut zum Opfer gemacht, einmal die Misshandlung eines Babys im Video gezeigt, einmal das Foto eines Verletzten nach einem Suizidversuch gezeigt.

Einzelheiten und den ganzen Bericht des Presserats über die jüngste Spruchpraxis lesen Sie hier: Deutscher Presserat

Bild-Titel „Die Lockdown-Macher“ war journalistisch in Ordnung

Die Titelstory „Die Lockdown-Macher“ der Bild-Zeitung in ihrer Print- und in der Online-Version hat nicht gegen den Pressekodex des Deutschen Presserats verstoßen. Der Deutsche Presserat hat Beschwerden über den Artikel als unbegründet zurückgewiesen. Der Bericht, der Porträtfotos von drei führenden Wissenschaftlern mit Corona-Maßnahmen als „Weihnachtsgeschenken“ zeigte, hat demnach nicht gegen den die ethischen Richtlinien verstoßen.

In einer heute veröffentlichten Mitteilung des Presserates heißt es:

„Die von der Redaktion vorgenommene Bezeichnung der drei Experten als „Lockdown-Macher” hat einen Tatsachenkern und verletzt deshalb nicht die journalistische Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex, stellte der Beschwerdeausschuss fest. Der Einfluss der genannten Wissenschaftler auf politische Entscheidungen über Corona-Maßnahmen lässt sich belegen. Die Bezeichnung „Die Lockdown-Macher“ ist daher eine zulässige Zuspitzung, die pointiert und streitbar sein mag, jedoch von der Meinungsfreiheit gedeckt ist.

Die Mitglieder des Presserats kamen mehrheitlich zu dem Schluss, dass auch die Darstellung der drei Wissenschaftler nebeneinander im Porträt zulässig ist und nicht das Ansehen der Presse nach Ziffer 1 des Pressekodex beschädigt. Durch ihre Auftritte in den Medien während der Corona-Pandemie haben sich die Experten selbst in die Öffentlichkeit begeben und müssen es hinnehmen, auch persönlich kritisiert zu werden, wertete der Ausschuss.

Über den Beitrag bei BILD und BILD.DE hatten sich im Dezember des vergangenen Jahres 94 Personen und wissenschaftliche Institutionen beschwert. Sie kritisierten, der Artikel erwecke den Eindruck, dass Wissenschaftler persönlich für Corona-Maßnahmen verantwortlich seien und nicht etwa die Politik.  Dies schüre Verschwörungstheorien und fördere Hetze gegen Wissenschaftler.“

https://www.presserat.de/

Die nackte Frau am schwarzen Brett

Von Medienethik und der Arbeit des Deutschen Presserats

„Die Presse ist frei.“ Ganz schlicht und einfach ist das im ersten Satz des Niedersächsischen Pressegesetzes formuliert. Doch jede Freiheit hat ihre Grenzen, auch Journalisten müssen sich an die die Gesetze halten. Sie genießen nur wenige Sonderrechte wie den Auskunftsanspruch gegenüber Behörden oder das Redaktionsgeheimnis, das selbst ein Gericht nicht aushebeln kann.

Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Aber sie hat auch ihre Grenzen. Foto: Helmut Burlager

Aber wie im  richtigen Leben gilt: Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. Die deutsche Presse hat sich vor fast fünfzig Jahren ein „Grundgesetz“ gegeben, die Publizistischen Grundsätze, auch Pressekodex genannt. Seither können Leserinnen und Leser sich beim Deutschen Presserat beschweren, wenn sie einen Verstoß gegen die ethischen Grundsätze vermuten, und ein Beschwerdeausschuss urteilt darüber. Hat eine Redaktion die Regeln gebrochen, kann das Gremium je nach Schwere des Verstoßes Hinweise, Missbilligungen oder Rügen aussprechen.

Ich kenne nur wenige Redaktionen, die noch nie mit dem Presserat zu tun hatten, und noch weniger Redakteure, denen eine Sanktion durch den Presserat egal wäre. Die Bild-Zeitung ist dafür bekannt, dass sie auf Rügen nicht reagiert und sie nicht abdruckt. Die meisten betroffenen Blätter aber tun das, auch wenn die Spruchpraxis des Presserats nicht jedem gefällt. Denn nicht jeder Journalist teilt alle Auffassungen, die seit der ersten Verabschiedung im Jahr 1973 in die Grundsätze, Leitsätze und Richtlinien eingeflossen sind.

Die Redaktionen des Brune-Mettcker-Verlages orientieren sich am Pressekodex und halten sich an rechtliche Bestimmungen. Und doch haben sie es in der Vergangenheit hier und da mit dem Presserat oder auch mit Anwälten zu tun bekommen. Ich erinnere mich an einen Fall, in dem wir das Bild einer nackten Frau – mit deren Einverständnis aufgenommen und bewusst unscharf gehalten – veröffentlicht haben und sie anschließend Schmerzensgeld verlangte, weil Arbeitskollegen sie erkannt und das Foto vergrößert ans schwarze Brett gehängt hatten. Der Fall wurde niedergeschlagen, so wie der Presserat auch die Beschwerde eines Lesers abwies, dessen Leserbrief nicht veröffentlicht, aber redaktionell ausgewertet und dazu Dritten zugänglich gemacht worden war. Er beklagte eine Verletzung des Redaktionsgeheimnisses – aber sein Leserbrief war in einer anderen Zeitung schon erschienen und damit längst nicht mehr geheim.

Vor nicht allzu langer Zeit ist eines unserer Blätter gerügt worden, weil eine bezahlte Anzeige im redaktionellen Teil nicht als solche kenntlich gemacht worden war. Das ist unangenehm, war auch nicht gewollt, aber die Zeitung steht damit nicht alleine da. Der Presserat hat soeben seinen Jahresbericht vorgelegt. 2021 sind nicht weniger als 2556 Beschwerden eingegangen. In 60 Fällen hat der Presserat daraufhin eine Rüge erteilt, davon betrafen 21 das Thema Schleichwerbung, also mehr als ein Drittel.

Regelwerk für Journalisten. Der Pressekodex des Deutschen Presserates. Foto: Helmut Burlager

Neben den Rügen wurden 83 Missbilligungen und 97 Hinweise ausgesprochen. Bei 39 begründeten Beschwerden verhängte der Presserat keine Sanktion. Jede dritte Rüge betraf den Persönlichkeitsschutz, weil eine Redaktion Fotos, Namen oder sensible Informationen von Betroffenen ohne deren Zustimmung veröffentlicht hatte. Ein Thema, das auch in unseren Redaktionen in jedem Einzelfall wieder neu zu diskutieren ist.

Die gute Nachricht in der Jahresbilanz ist, dass 2277 der 2556 Beschwerden als unbegründet abgewiesen wurden. Bei aller Freiheit sind sich die Medien – das darf man aus der geringen Zahl der Rügen, Missbilligungen und Hinweise herauslesen – ihrer ethischen Verantwortung sehr bewusst.

@ www.presserat.de

Wenn Zeitungen das Papier ausgeht

Eine Samstagausgabe mit acht gedruckten Seiten weniger. Noch hatten die Leser der Wilhelmshavener Zeitung, des Jeverschen Wochenblatts und der anderen in Oldenburg gedruckten Blätter gar keine Möglichkeit, sich darüber zu beschweren, denn das war heute eine Premiere. Seit Monaten sitzt allen Zeitungsdruckern das Thema Papierknappheit schwer im Nacken, das „Mindener Tageblatt“ musste schon Anfang November das Papier rationieren. Die Zeitung verringerte die Umfänge und nahm Rubriken aus dem Blatt. Die Branche war alarmiert.

Papierrollen in der Druckerei. Seit Monaten ist die Beschaffung des Materials ein Problem. Foto: Helmut Burlager


Glücklich, wer sich bevorratet hatte. Doch drei Monate später hat sich die Situation nicht geändert, sondern verschlechtert, auch die letzten Druckereien laufen leer. War bisher der Mangel an Altpapier Grund für die Knappheit, daneben der hohe Bedarf des Versandhandels an Verpackungsmaterial, so kommt mit dem Krieg in der Ukraine, der die Energiepreise explodieren lässt, ein weiteres dickes Problem hinzu. Denn zur Papierherstellung sind neben den bereits knappen Rohstoffen Zellstoff und Recyclingpapier auch ungeheure Mengen Strom und Gas nötig. Zeitungen sind gezwungen, die Umfänge zu reduzieren. Hat es so etwas je gegeben? Ja leider, und oft hing das mit Krieg zusammen. Papier war schon zu Beginn des Zeitungsdrucks im 17. Jahrhundert eine knappe und teure Ressource, doch mit dem Entstehen der Massenpresse entwickelte sich eine Papierindustrie, die den immens wachsenden Bedarf meist decken konnte. Aber nicht immer. Eine Papierkrise gab es vor hundert Jahren, nach dem Ersten Weltkrieg. Der Mangel war so gravierend, dass er im März 1919 von der Weimarer Nationalversammlung behandelt wurde, wie damals die Frankfurter Zeitung berichtete.
„Die Regierung ließ erklären“, hieß es da, „daß Mangel an Kohle, die Streiks und Transportschwierigkeiten den Uebelstand verschulden, daß man aber auf Besserung sinne. Mit dieser Auskunft müssen sich die Zeitungen zufrieden geben, eine baldige Abhilfe scheint nicht in Aussicht zu stehen. Die Papiernot ist seit Langem für die Zeitungen und die ihr nahestehenden Gewerbe eine schwere Kalamität. Ihre Verewigung behindert die Presse an der Erfüllung ihrer Aufgaben.“
Die heftige Klage der Zeitung, dass der Papiermangel sie ausgerechnet in einer weltpolitisch derart angespannten Lage treffe, könnte direkt in die heutige Zeit übertragen werden. „Man erinnere sich, wie vor Zeiten ein Eisenbahnunglück, ein Streik, ein Krawall, eine Feier, ein Kongreß die Zeitungen sofort zur Entsendung von Sonderberichterstattern veranlaßte! Das geht längst nicht mehr, nur das Gerippe der Ereignisse, z.B. in Oberschlesien, in Düsseldorf, Berlin, im Ruhrrevier usw., läßt sich kurz skizzieren, geschweige denn, daß die in dieser Zeit für Deutschland so unendlich wichtigen Vorgänge im Ausland mit der Ausführlichkeit behandelt werden könnten, die ihnen gebührte“, bedauerte der Verfasser.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es genauso. Der Schriftsteller und Zeitungsredakteur Erich Loest erinnerte sich: „Die Zeitung erschien mit vier Seiten, normalerweise, am Sonntag mit sechs, mal auch mit acht, aber mal auch mit zwei Seiten, also ein Blatt hinten und vorne klein bedruckt, das war dann die Leipziger Volkszeitung.“
Und heute? Gerade jetzt, da Menschen nach Informationen über den Krieg und seine Folgen gieren und nach Kommentierung und Einordnung suchen, wird der Platz knapp, weil das Papier fehlt. Im schlimmsten Fall könnte das Erscheinen von Zeitungen unmöglich werden.
Der Unterschied zu damals: Das Medium ist nicht mehr ans Papier gebunden. Wenn wegen der Papiernot Ausgaben nicht mehr oder nur noch mit wenigen Seiten erscheinen könnten, blieben immer noch das E-Paper und das Internetportal der Zeitung, um die Menschen mit Informationen zu versorgen. Ein schwacher Trost, aber immerhin. Hoffen wir, dass es nicht soweit kommt.

Gehört der Italiener in die Überschrift?

Herkunftsnennung bei Verdächtigen und Straftätern – eine Leserin hat sich beschwert

Ob Journalisten, wenn sie über Straftaten berichten, die Nationalität von Verdächtigen erwähnen dürfen – das ist eine ewige Streitfrage. Eine Leserin hat sich mit diesem Thema an den Ombudsmann gewandt. Grund war die Schlagzeile auf der Titelseite am 23. Februar: „Italiener rammt Kollegen ein Messer ins Herz“. Frau H. schreibt: „Da zeigt sich zu meinem Entsetzen (…) eine latent vorhandene Fremdenfeindlichkeit. Ich glaube nicht, dass da jemals stehen würde: Deutscher …“ Der Beitrag war gleichlautend in der Wilhelmshavener Zeitung, im Jeverschen Wochenblatt, auf Lokal26 und im Newsletter der Zeitungsgruppe veröffentlicht worden, immer mit derselben Überschrift. War das richtig?

Es gibt zu der Frage der Herkunftsnennung – zu der neben der Nationalität auch die Erwähnung der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion oder körperlicher Merkmale („südländischer Typ“) gehören kann – keine festen Regeln. In der Vergangenheit hielt sich die Mehrzahl der Medien an den Pressekodex des Deutschen Presserates. Ziffer 12 behandelt das Thema Diskriminierung: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.“ In einer ergänzenden Richtlinie wird ausgeführt, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit eines Verdächtigen oder Täters zu einer solchen Minderheit nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung eines individuellen Fehlverhaltens führen darf. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, Ausnahmen soll es nur im begründeten öffentlichen Interesse geben.

Bis zur Flüchtlingsbewegung im Jahr 2015 war dies weitgehend Konsens in den Medien. Seither und besonders nach den Vorfällen in der Silvesternacht 2017 am Kölner Dom, wo es zu Übergriffen aus einer Gruppe von Nordafrikanern heraus gekommen war, wurde die Richtlinie heftig diskutiert und von etlichen Medien nicht mehr beachtet. Nationalität und Ethnie von Tatverdächtigen werden nach wissenschaftlichen Erhebungen heute deutlich häufiger genannt. Das kann auch sinnvoll sein, denn spezielle Erscheinungen von Kriminalität können in bestimmten Milieus besonders ausgeprägt sein, denken wir an das Phänomen der „Ehrenmorde“, an Clankriminalität oder an die Drogenszene.

Wie liegt der Fall nun bei dem angeklagten Italiener? Die Umstände der vor dem Landgericht Oldenburg verhandelten Tat – ein 39-jähriger Gastronomie-Mitarbeiter soll im September 2021 auf Wangerooge einem Arbeitskollegen ein Messer in die Brust gerammt haben – sprechen nicht grundsätzlich gegen eine Nennung der Nationalität. Denn die Tat geschah in einer Gemeinschaftsunterkunft für italienische Arbeitskräfte, es war dort zu Streitigkeiten gekommen, es ging um Frauen, Alkohol war im Spiel, das Opfer, das vor Gericht aussagen soll, lebt wieder in Italien und muss extra anreisen. Nach den Kriterien des Presserats wäre die Nennung wohl nicht zu rügen.

Aber wäre der Bericht weniger verständlich, wenn man die Nationalität nicht genannt hätte? Wohl kaum. Hätte es in einer Unterkunft von Männern anderer Herkunft unter den anzunehmenden Umständen (Einsamkeit, Enge, Stress, Alkohol, psychischer Druck) zu ebensolchen Vorfällen kommen können? Bestimmt. Ist die Erwähnung des „Italieners“ geeignet, Vorurteile zu verstärken? Das wohl nicht, denn Italiener zu sein, ist bei uns eher positiv konnotiert, und das nicht erst seit der Spaghetti-Werbung aus den Neunzigerjahren („Weck den Italiener in Dir!“).

Grundsätzlich, das besagt der Pressekodex, muss in jedem Einzelfall abgewogen werden, ob die Herkunft veröffentlicht wird. Das hat die Redaktion getan (siehe unten) und sich dafür entschieden. Aber war das richtig?

Jein, lautet meine Bewertung. Wenig spricht gegen die Nennung der Nationalität im Text, schon wegen der besonderen Umstände auf der Insel und des Prozesses. Die Formulierung in der Schlagzeile hätte nicht sein müssen. Da macht nämlich auch der Presserat in seinen Leitsätzen einen Unterschied: Das Risiko einer diskriminierenden Verallgemeinerung  bestehe unter anderem, wenn die Gruppenangehörigkeit „unangemessen herausgestellt“ werde, „etwa durch Erwähnung in der Überschrift oder Wiederholungen.“

Der Verlockung einer plakativen Überschrift hätte die Redaktion aus meiner Sicht besser widerstanden.

Helmut Burlager, Ombudsmann


Und das sagt die Redaktion zu dem Thema

In der Redaktion ist intensiv darüber diskutiert worden, ob die Nationalität in der Überschrift genannt wird oder nicht, denn natürlich waren sich gerade die erfahrenen Kollegen ihrer Verantwortung bewusst. Die Entscheidung fiel nach einer sorgfältigen Abwägung.

Laut Richtlinie 12.1 des Pressekodex ist zwar darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit von Tätern nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Aber: Bei einem begründeten öffentlichen Interesse darf die Nationalität genannt werden. Für die Nennung kann zudem auch sprechen, wenn eine besonders schwere oder außergewöhnliche Straftat vorliegt. In diesem Fall waren also zwei Kriterien ausschlaggebend: erstens die Schwere der Tat und zweitens ein begründetes öffentliches Interesse.

Letzteres lässt sich ganz neutral schon daher ableiten, dass die Tat auf einer Insel mit gut 1000 Einwohnern geschehen ist. Jeder kennt jeden, bei einem versuchten Totschlag auf einer solch kleinen Insel besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Die Nationalität des mutmaßlichen Täters ist direkt im Kontext mit der Tat zu sehen, führt also nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens:
– die Tat passierte in einer Gemeinschaftsunterkunft für ausschließlich italienische Restaurant-Mitarbeiter
– auch das Opfer ist Italiener
– alle Beteiligten und Zeugen sind Italiener
– das Opfer befindet sich derzeit in Italien.
Italien spielt bei der Berichterstattung über diesen versuchten Totschlag eine zentrale Rolle, zwischen Tat und Nationalität gibt es einen Zusammenhang, da der gesamte Streit, der Tatort und die Personen als Einheit zu sehen sind. Und genau dieser Hintergrund ist wichtig für den Leser, um die Tat und die Tatumstände einordnen zu können.
Es war eben kein Wangerooger, kein x-beliebiger Restaurantmitarbeiter, keine Saisonkraft vom Festland – und das darf der Leser auch bereits in der Überschrift erfahren. Der Redaktion geht es nicht um Klickzahlen oder das unangemessene Herausstellen, sondern bei aller Vorsicht und Sorgfalt in erster Linie um unabhängige und authentische Berichterstattung.  

Cornelia Lüers
Gesamtredaktionsleitung

Wenn Päpste sterben

Zeitungen und Aktualität – das passt nicht wirklich zusammen

Zwischen Redaktionsschluss, Andruck und Verteilung der Zeitung vergehen Stunden. Aktualität ist eine Schimäre. Bild: WZ-Archiv

Päpste sterben immer nachts. Das habe ich als junger Mann gelernt, weil zwei von ihnen mir den Gefallen taten, in tiefer Nacht das Zeitliche zu segnen. Der Tod von Paul VI. überraschte mich, als ich morgens um 6 Uhr in der Redaktion am Fernschreiber stand und die Deutsche Presseagentur eine Eilmeldung schickte. Ein Himmelsgeschenk für uns bei der Mittagszeitung, wir konnten das Dahinscheiden des Pontifex im August 1978 wenige Stunden danach quasi exklusiv melden. Einige Wochen später, ich stand wieder am Ticker, passierte das Gleiche noch einmal. Nach nur 33 Tagen Amtszeit war der Nachfolger, Johannes Paul I., ebenfalls gestorben, es stand am 28. September 1978 mittags in der Zeitung – und zwar nur in unserer. Wir waren begeistert.

Ich erzähle diese Geschichte gerne, wenn es um das Thema Aktualität geht. Denn sie zeigt, dass Schnelligkeit in der Berichterstattung immer von verschiedensten Umständen abhängt. Wäre der Tod der beiden Kirchenführer am frühen Nachmittag bekanntgegeben worden, hätte unser Blatt das Nachsehen gehabt, die konkurrierenden Morgenzeitungen hätten es am nächsten Tag vor uns gemeldet. Aktuell wären sie auch nicht mehr gewesen.

Nicht nur von Tages- und Uhrzeiten hängt viel ab, auch von Technik. Als 1830 Papst Pius III. starb, dürfte diese Nachricht im Jeverland, zu dem das Gebiet des heutigen Wilhelmshaven gehörte, erst mit etlichen Tagen Verzögerung angekommen sein, schließlich gab es noch keine Telegrafenstationen, geschweige denn Fernschreiber oder Telefone. Radio, Fernsehen, Telefax, E-Mail, Internet, Digitalkameras, Handys, Smartphones, Facebook und Twitter – mit jedem technischen Fortschritt hat auch das Thema Aktualität eine neue Wendung genommen.

Die Zeitung kann vor diesem Hintergrund nicht mehr wirklich aktuell sein, liegen doch zwischen Redaktionsschluss, Andruck und Auslieferung etliche Stunden, während sich Nachrichten im Netz in Bruchteilen von Sekunden verbreiten.

Aber Leserinnen und Leser haben natürlich ihre Ansprüche. Das Fußball- oder Handballspiel vom Vorabend möchten sie am nächsten Tag in der Zeitung nachlesen können, auch wenn sie – sofern sie Vollblut-Fans sind – natürlich abends schon bei Kicker Online geschaut oder das Spiel bei Sky gesehen haben. Die Macht der Gewohnheit.

In meiner ersten Woche als Ombudsmann des Brune-Mettcker-Verlages haben mich mehr als zwei Dutzend E-Mails und Briefe erreicht, für die ich mich herzlich bedanke. Viele Anregungen und Hinweise waren dabei, heftige Kritik an Veränderungen in der Zeitung. Manches interessante Gespräch ist daraus entstanden, gegenseitiges Verständnis geweckt worden – oder auch nicht. Auf die verschiedenen Themen werde ich an gleicher Stelle noch eingehen. Doch das Thema Aktualität, ausgelöst durch die Verlegung des Druckortes und festgemacht an den Sportergebnissen, zog sich durch fast alle Schreiben.

Der Verlag stellt nun bei Sportereignissen Ersatz-Aktualität her, in dem zusätzlich zum Abend-E-Paper (das der gedruckten Ausgabe entspricht), ein morgendliches E-Paper freigeschaltet wird, in dem aktualisierte Seiten mit Spielberichten oder Tabellen zu finden sind. Und auch das Internetportal „Lokal26“ soll für Aktualität am Abend genutzt werden. Das hilft nicht allen Leserinnen und Lesern, aber die meisten sind heute ohnehin im Netz unterwegs.

Einstweilen spielen uns wieder die erwähnten Umstände in die Karten. Zum Beispiel der, dass die Winterspiele am vergangenen Freitag in Peking eröffnet wurden und nicht in Lake Placid. Durch die siebenstündige Zeitverschiebung zu China kann auch der letzte Wettbewerb des Tages in die Berichterstattung der gedruckten Ausgabe einfließen. Glück gehabt!

Was ist Ihre Meinung? Haben Sie Fragen, Beschwerden? Sie erreichen mich unter bm.ombudsmann (at) outlook.de