Ein Ratsherr im Shitstorm

Ein genervter Grundstücksbesitzer im Villenviertel hängt ein Schild auf: „Hier ist kein Hundeklo! Achtung Videoüberwachung!“ Damit nicht genug, tatsächlich installiert er auf seinem Grundstück eine Kamera, die in Richtung Straße blickt. Die Zeitung berichtet darüber, auch im Internet, und schon geht die Post ab. Munter wird auf Facebook diskutiert, ob der Anwohner das Recht dazu hat und ob man Verständnis für ihn aufbringen kann. Zwei Dutzend Kommentare laufen binnen weniger Stunden ein. Die Redaktion freut sich, sie hat den Nerv getroffen.

Viel kommentiert: Beitrag über ein Alltagsproblem. Bild: Lokal26

Eine Zeitung, deren Artikel keine Diskussionen auslösen – wer würde dafür Geld ausgeben? Journalismus lebt von Meinungen, vom Widerspruch. Leserbriefe sind das Salz in der Suppe, Kommentare unter Online-Artikeln auch. Eigentlich. Denn in der Praxis können Leserinnen und Leser nicht immer und überall „ihren Senf dazugeben“.

Warum das so ist und ob man es nicht anders machen müsste, darüber habe ich mit zwei Lesern diskutiert, die sich mit unterschiedlichen Auffassungen an mich gewandt haben. Zuerst schrieb mir jemand, er wundere sich, dass die Zeitung sich gegen die Veröffentlichung von Lesermeinungen unter online veröffentlichten Artikeln wehre. Warum gebe es unter den Beiträgen auf „Lokal26“ keine Kommentarfunktion?  

Beim anderen ging es in die entgegengesetzte Richtung. Vorausgegangen war ein auf Facebook verlinkter Zeitungsartikel über die Kritik des Wilhelmshavener Ratsvorsitzenden am Sozialverband Deutschland, nachdem dieser eine Ratsentscheidung zu den Taxigebühren beanstandet hatte. Der Beitrag hatte einen „Shitstorm“ zur Folge, was den Leser auf den Plan rief. Die Zeitung „sollte sich fragen“, schrieb er, „ob es fair und angemessen ist, kommunal-öffentliche Personen in den freien Social Media einem teilweise pöbelnden Diskutantenstadl vorzuführen.“

In der Tat war es in den Kommentaren zu dem Beitrag zu massiven, unflätigen Angriffen auf den Ratsvorsitzenden gekommen. Die Redaktion entschied sich, moderierend einzugreifen und, als dies mit den personellen Ressourcen nicht mehr möglich war, alle Kommentare zu löschen.

Das Mindeste, das nach Meinung des Lesers von der Zeitung erwartet werden dürfe, sei, „dass sie öffentliche Kommentare anonymer Verfasser unterbindet; bei einem Leserbrief werden auch Name und volle Adresse angegeben und überprüft.“ Hiermit trifft er das Problem. Während sich der Eingang von Leserbriefen in einer Redaktion problemlos überblicken und die Veröffentlichung sich steuern lässt, ist das bei Online-Kommentaren nicht unbedingt der Fall.

Bei der Nachrichtenplattform „Lokal26“ hat sich der Verlag schon einige Monate nach dessen Einführung entschieden, die Kommentarfunktion abzuschalten. Und zwar, weil wahlweise die ungeprüfte Freigabe von Kommentaren zu den befürchteten „Shitstorms“ geführt oder aber die Prüfung jedes Kommentars vor der Veröffentlichung zu einem unverhältnismäßig hohen Arbeitsaufwand geführt hätte.

Auf Facebook ist die Kommentarfunktion nicht generell zu unterbinden und es gibt keine Klarnamen-Pflicht. Das erfordert von der Redaktion hohen Moderationsbedarf, sie muss den Eingang von Kommentaren im Blick behalten und Debatten, die aus dem Ruder laufen, einhegen oder gar Beiträge löschen und Nutzer sperren.

Menschen einem „Diskutantenstadl“ vorzuführen, ist selbstverständlich nicht die Absicht der Redaktion. Einen wichtigen Beitrag über ein politisches Thema nur deshalb nicht zu veröffentlichen, weil es einen „Shitstorm“ geben könnte, kann aber auch nicht die Lösung sein. Politiker, die sich in den Meinungswettstreit stürzen, müssen Widerspruch aushalten können, zumindest in Grenzen. Und die sollte die Redaktion setzen.

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