„Seine legendären Leserbriefe werden wir vermissen“

Redaktionen gehen unterschiedlich mit Leserbriefen um. Manche drucken nur eine kleine Auswahl der Leserreaktionen ab, manche kürzen sie auf drei oder vier markante Sätze zusammen. In einen Haus gibt es eine eigene Redaktion nur für Leserzuschriften, im anderen geht alles über den Tisch des Chefredakteurs, im dritten bleibt es dem Zufall überlassen, von wem ein Leserbrief bearbeitet wird und ob er erscheint.

Mich erreichten Zuschriften von Lesern, die sich beklagten, dass Ihre Briefe nicht zeitnah veröffentlicht worden sind. Das kommt in der Tat vor und kann verschiedene Gründe haben. Der naheliegende heißt: fehlender Platz. In einem normalen Monat treffen in den Postfächern unserer Zeitungen bis zu 50 Leserbriefe und Dutzende Leserfotos ein. Sie alle und in voller Länge zu bringen, dazu müsste die Redaktion acht bis zehn Seiten mehr drucken können. Das kann sie erstens nicht, und wer würde das zweitens alles lesen wollen?

Die Redaktion bemüht sich,  wöchentlich mindestens eine Seite mit Zuschriften zu drucken – und  Briefe zu aktuellen Diskussionen auch zwischendurch. Leider gelingt das nicht immer. Ohnehin werden nicht alle Leserbriefe gedruckt. Mal sind sie viel zu lang, mal wird das Anliegen des Einsenders nicht richtig deutlich, mal fehlen die Kontaktdaten des Einreichenden, mal enthält ein Brief beleidigende oder verunglimpfende Aussagen, mal besteht der Schreiber auf Anonymität oder untersagt Kürzungen und Bearbeitungen, manchmal ist der Inhalt eines Leserbriefs zum Zeitpunkt seines Eintreffens schon von den Ereignissen überholt worden. In allen Fällen sollten die Einsender aber eine Antwort erhalten.

„Offene Briefe“, die zugleich an andere Stellen gerichtet sind, druckt die Zeitung ebenso wenig wie Schilderungen von persönlichen Streitereien oder Nachbarschaftskonflikten. Auch sollen Politiker und Funktionäre, von denen ohnehin schon ständig zu lesen ist, sich nicht auch noch durch Leserbriefe profilieren können, vor allem nicht in Wahlkampfzeiten.

Zeitlicher Verzug kann noch andere Gründe haben. Briefe von Einsendern, die der Redaktion nicht bekannt sind, müssen geprüft werden: Gibt es den Absender, hat er die richtige Adresse und Telefonnummer hinterlassen? In vielen Fällen wird nachgefragt, und nicht immer erreicht man den Verfasser sofort. Kommt keine Reaktion, kann der Brief nicht veröffentlicht werden. Das gilt auch für Fälle, in denen die Redaktion den Autor vergeblich bittet, einen zu langen Leserbrief zu kürzen.

Und schließlich gibt es da noch die Vielschreiber. Den Aktivisten, der mindestens einmal pro Woche einen Leserbrief gegen die regenerativen Energien abschickt. Den kritischen Bürger, der der Stadt- und Kreisverwaltung ständig genau auf die Finger schaut und alles kommentieren möchte. Den Hobby-Schreiber, an dem eigentlich ein Journalist verlorengegangen ist und der seine Leidenschaft im Leserforum ausleben möchte. Bei ihnen muss die Redaktion abwägen, wie oft sie sie zu Wort kommen, bevor es andere Zeitungsleser nervt. Es gibt Leserbriefschreiber, mit denen regelrecht Abkommen getroffen wurden, wie oft sie was schicken „dürfen“.

Denn Leserbriefe sind ja nicht nur ein wunderbares Feedback für die Arbeit der Redaktion und nicht nur ein Forum für demokratische Debatten. Sie dienen hier und da auch dem Ego der Schreiber. Und das ist nicht einmal negativ gemeint. Mich hat jüngst eine Todesanzeige in unserem Blatt sehr berührt, in der die Freunde des Dahingeschiedenen ihn mit ungewöhnlichen Worten würdigten. Sie schrieben: „Auch seine legendären Leserbriefe werden wir vermissen.“

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